Fiona

Fiona

"Aha, meine Dosine ist gerade wieder dabei ihre Kleider auszusortieren. Das möchte ich mir wirklich nicht entgehen lassen. Schließlich, denke ich, wird sie ganz sicherlich meine Hilfe und meinen Rat dafür benötigen. So setzte ich mich erst einmal auf ihren Schreibtisch, um sie bei ihrem Vorhaben zu beobachten. Natürlich tat sie sich wie meistens sehr schwer mit der Auswahl, was bleibt und was entsorgt wird.
Da schellte es an der Tür. Schnell warf sie die ausgewählten Kleider in den Schrank und lief eilig zur Tür. Es war eine ihrer Freundinnen, die bei meiner Dosine stets in den unpassendsten Momenten, unverhofft vor ihrer Tür stehen und sie dann stundenlang in Beschlag nehmen. Das konnte nun Ewigkeiten dauern. Neugierig wie ich war, begab ich mich zum achtlos zusammengeknüllten Kleiderstapel in das Schrankinnere, um zu prüfen, ob sich das eine oder andere Kleidungsstück zum darauf liegen für mich eignen würde.
Oh, was für einen schönen, weichen Pulli entdeckte ich gerade. Da musste ich mich einfach hineinkuscheln. Genüsslich tretelte ich mit meinen breiten Pfötchen auf dem Pullover. Plötzlich kam Fiona zurück und schloss die Schranktür. Ich war so verdutzt, dass mir mein "Mau" in meinem Hälschen steckenblieb. "Ich bin doch im Schrank, mach bitte wieder auf", maunzte ich flehend nach der ersten Schreckminute. Aber sie saß wieder im Wohnzimmer und quatschte Wörter in die Raumatmosphäre, was das Zeug hielt. Am Abend, einige Stunden später, hörte ich meine Dosine wie sie in ihrer Wohnung nach mir suchte. Dann ging sie erneut lange nach draußen und rief suchend mehrmals meinen Namen. "Menschenskinder, ich bin doch hier im Schrank, du musst nur richtig suchen", miaute ich entnervt.
Doch offensichtlich schien sie stocktaub und zudem noch schlechtsichtig zu sein. Schließlich schlief ich irgendwann ein. Zu spät bekam ich mit, dass sie den Kleiderschrank in dem ich unfreiwillig verweilte, öffnete und suchend ihren Blick durch das Schrankinnere gleiten ließ. Da ich unter einem dunklen Pullover lag, übersah sie mich leider. Als ich die offene Schranktüre bemerkte, wollte ich gerade mein Köpfchen heben, aber da war die Tür auch wieder geschlossen. In der gesamten Wohnung ging das gleiche Spiel los. Wieder öffnete sie alle Türen und schloss diese unverrichteter Dinge. Sie suchte und rief mich weiterhin. In der Nacht verließ sie abermals des Öfteren die Wohnung und suchte weiter nach mir. Ich seufzte. Da half mir nur noch meine allseits bekannte Stärke nämlich meine unerschütterliche Geduld mit meiner Dosine, um das Warten bis sie mich denn endlich finden würde zu überstehen. Hoffentlich kommt ihr noch mal der glorreiche Gedanke genauer und intensiver in dem Kleiderschrank nach mir zu suchen. Ich wartete. Am nächsten Morgen war ich natürlich nicht zu meinem üblichen Weckdienst bei ihr erschienen, wie denn auch ich saß ja, dank der Schwerbegrifflichkeit meiner Dosine immer noch in deren Kleiderschrank fest. So überlegte meine übernächtigte Dosine gründlich nach, wo sie mich das letzte Mal gesehen hatte. Wieder lief sie verzweifelt durch die Gegend und rief nach mir, inzwischen klang ihre Stimme sehr unglücklich.
Sie setzte sich hin und überlegte nochmals ganz genau, wo ich mich sonst immer aufhielt. Sie ging alle Ereignisse durch. Was hatte sie in den letzten eineinhalb Tagen getan? Da fiel es ihr siedend heiß ein. Ja, das könnte es sein. Sie betrat ihr Gästezimmer und öffnete nochmals die Tür des Kleiderschrankes. Lange blickte sie auf den am Schrankboden liegenden Kleiderstapel und tastete sich durch die Pullover. Da regte ich mich schnell aus einem Wulst von Kleidern und schaute sie verschlafen an. "Mau" war mein einziger Kommentar zu ihrer Begriffsstutzigkeit. Mehr Worte fand ich in diesem Augenblick nicht, denn außer sich vor Freude, drückte sie mich fest an ihr Herz und ging eiligen Schrittes in die Küche um mir etwas Leckeres auf den Teller zu legen.

Autor: Martina Jenner www.die-rote-feder.de

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